Mode als Zeitindikator

Augsburger Zeiten

Hans-Peter Gerner über die aktuelle Pelzmode

Gesellschaftliche Diskurse, politische Entwicklungen, deren Präsenz in medialer Kommunikation und generell Wahrgenommenes im Alltag – wie das Straßenbild und die darin wandelnden Menschen – all diese und weitere ähnliche Faktoren beeinflussen die aktuelle Stimmung: den Zeitgeist. Jede qualitative Mode ist daher keine isolierte Schöpfung eines Einzelnen, sondern spiegelt eben diesen Zeitgeist wieder, auf den sich die Mode referentiell bezieht. Der Wandel der Stimmungen verläuft zumeist sukzessive und allmählich. Dies gilt auch für den Wandel der Moden. Mode reagiert mit kleiner Verzögerung seismographisch auf gesellschaftliche Diskurse und Befindlichkeiten und wandelt sich und ihre Produkte entsprechend.

Selfie-Trend und neue Opulenz

Ein feines Gespür für diese gesellschaftlichen Stimmungen hat der Augsburger Pelzmodenschöpfer Hans-Peter Gerner, der auf 15 Jahre Erfahrung im Modeausschuss des Zentralverbandes des deutschen Kürschnerhandwerks zurückgreifen kann. Der heutige Selfie-Trend, der Vergleichbar ist mit der malerischen Entdeckung des Individuums im Zeitalter der anbrechenden Renaissance, führe zu aufwändigeren Krägen, Rüschen, Halsbändern, Schleifen und betonteren Schultern. Die Fokussierung auf Details rückt in den Vordergrund. Eine historische Verbindung könnte man hier zu den detailreichen Porträts des berühmten Augsburger Künstlers Christoph Amberger ziehen, der zu Beginn der deutschen Renaissance vor allem Augsburger Patrizier in selbstbewusster Haltung und in modischer Kleidung abbildete. Hans-Peter Gerner über die aktuelle Pelzmode Zeiten der Unsicherheit und starke gesellschaftliche Veränderungen führen eher zu Modestilen, die die Opulenz des Lebens feiern: Wie die Mode im Barock, der Kaiserzeit – oder der aktuellen Gegenwart, analysiert Hans Peter Gerner. Einen Trend zu dieser wohldosierten Opulenz, den Hans-Peter Gerner auch bei seinen jüngsten Reisen zu den Modemessen in Mailand (Februar) und Paris (September) registriert hat, zeigt sich bei den Pelzkreationen aus dem Hause Gerner beispielsweise in Lammjacken, deren Rückseiten mit Goldstoffen belegt sind. Auch florale Muster oder Karos, akzentuierte Kragenformen, Materialkombinationen von Nerz und Lamm oder die Verwendung von edlen Brokat- und Seidenstoffen unterstreichen diesen neuen Stil, der gekonnt die Balance hält zwischen punktuellem Expressionismus und klassischer Strenge. Vergleichbares gab es bereits in der Wilhelminischen Epoche: Man denke etwa an die Damen der städtische Oberschicht im damaligen Berlin, deren Aura unter anderem von Ernst Ludwig Kirchner, dem Brücke-Maler, von 1912 bis 1915 so unverwechselbar eingefangen wurde. Im Unterschied zur damaligen Zeit, so Hans Peter Gerner, setzt die heutige Pelzmode allerdings auf leichte Materialien. Dank der Fortschritte in der Pelzverarbeitung ist ein modisches Unikat aus dem Hause Gerner kaum schwerer als ein entsprechendes Kleidungsstück aus Stoff.

Als PDF herunterladen/anzeigen

« zurück zur Übersicht